Ukraine: Einblicke in den neuen Osten Europas

Für die meisten Deutschen ist die Ukraine immer noch ein weißer Fleck, das Land „da unten rechts“ auf der Landkarte Europas, schon fast an der Grenze zu Asien. Allenfalls sind Stichwörter wie „Kornkammer Europas“, „Orangene Revolution,“ „Tschernobyl“ abrufbar, auch die Erinnerungen an den Krimurlaub fallen eher blass aus und sind wenig aufschlussreich, was die gegenwärtigen Verhältnisse angeht. Gleichzeitig nimmt die Debatte um den EU-Beitritt der Ukraine konkrete Züge an. Der Autor des neuen Buches in unserer Länderreihe – in der Ukraine geboren und aufgewachsen, aber auch vertraut mit den Ansichten der Bewohner seiner neuen Wahlheimat Deutschland – nimmt dies zum Ausgangspunkt für seine Reise durch das alte neue Land, das mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zwar seine Unabhängigkeit erlangte, aber mit postkommunistischen Folgen wie Oligarchentum, Korruption und ideologischer Neuorientierung zu kämpfen hat und längst nicht in der Demokratie angekommen ist.

Die Sehnsucht der Ukrainer nach Freiheit und Unabhängigkeit vor allem von Russland ist das Ergebnis erlittener Fremdbestimmung. Sie zu erlangen, so erfahren wir auf unterhaltsame Weise, ist ein höchst konfliktreicher Prozess, da die beiden Völker eine jahrtausendealte gemeinsame Geschichte verbindet. Das prägt die politischen Auseinandersetzungen im Lande wie mit dem mächtigen Nachbarland, ist aber auch im Alltag spürbar, wo man ukrainisch spricht, doch meist russisch liest, wo der Wodka Horilka heißt, wo die Rote-Rüben-Suppe Borschtsch das ukrainische Nationalgericht ist und stets als russisches gilt.
Kenntnisreich und humorvoll, mit spürbarer Heimatliebe erzählt der Autor vom Alltag in der Ukraine von heute, unternimmt fundierte Exkurse in die alte und neuere Geschichte des Landes, ergänzt seine Beschreibungen mit Porträts und macht so die Wandlung der Ukraine von der „Kornkammer“ zu einem modernen Hightechland anschaulich. Viktor Timtschenkos Buch ist ein überzeugendes Plädoyer dafür, dass sein Heimatland am Schwarzen Meer zu Europa gehört.
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